Supercommunity, Superconversation, Supernova

Das E-Flux Journal steuerte der letztjährigen Venedig Biennale die Webseite Supercommunity.e-flux.com bei. Das ambivalente Projekt ist eine Projektionsfläche für kollektive Imagination und erweist sich zugleich als Überwachungs- und Evaluationsmacht im Netz. Eine Analyse.
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2 Bildschirmfoto 2016 02 04 um 07.25.27Screenshot der Webseite Supercommunity.e-flux.com, Zugriff am 4. Februar 2016.

Das amerikanische Kunstmagazin E-Flux Journal hat sich seit seiner Gründung 2008 als feste Kunstkritikgrösse etabliert. Hervorgegangen ist es aus der von Anton Vidokle und Julieta Aranda geleiteten Plattform E-Flux, die sie 1996 aus reiner Freude an Improvisation und Massenkommunikation gegründet  hatten, wie Vidokle und Aranda in ihrer Selbstdarstellung schreiben. Überraschenderweise sei daraus ein profitables Unternehmen geworden, das ihnen ermögliche, «to stay fully independent of normal power structures that are just killing everything these days: the market government, funding organizations, collectors and sponsors». Diese Unabhängigkeit, wie sie Vidokle und Aranda nennen, wird über mehrere Dienstleistungen erreicht – zu nennen ist vor allem der gleichnamige Newsletter, der Ausstellungsankündigungen von ausgewählten Kunstinstitutionen verschickt. Daneben betreibt E-Flux eine Vielzahl von Projekten und Kooperationen mit verschiedenen Institutionen, Museen und Universitäten und unterhält gemeinsam mit Artforum eine marktführende Plattform für Stellensuchende im Kunstbetrieb. Mit What Is Contemporary Art? gibt E-Flux 2010 zudem einen vielzitierten Reader zur zeitgenössischen Kunst heraus. So vereinigt E-Flux Kunst, Vermittlung, Kritik und Kunstgeschichtsschreibung und damit ganz unterschiedliche Rollen. Aber seine Betreiber/innen gehen noch einen Schritt weiter: Gemeinsam mit Deviant Art, einem sozialen Netzwerk, das registrierten Nutzer/innen auf der gleichnamigen Webseite die Möglichkeit bietet, eigene Arbeiten zu veröffentlichen, bewerben sie sich 2012 bei ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) um die Top-Level-Domain «.art». Das Hashtag der Kampagne lautet #savedotart. Die Verwaltung der Domain und die Festlegung entsprechender Standards durch E-Flux und Deviant Art werden von den Initiant/innen als Chance für die Kunst propagiert, weil «.art» so von den Künsten, mit den Künsten und für die Künste unterhalten werden könne. E-Flux wirbt für die Vision eines virtuellen Orts für die Künste, der ein «touchstone of world culture», also ein Prüfstein für Weltkultur, werden könne. Wäre die Bewerbung, für die eine Gebühr von 185’000 Dollar aufgewendet werden musste, erfolgreich gewesen, wären Deviant Art und E-Flux jetzt die alleinigen Grundbesitzer/innen von «.art». Kunstinstitutionen, Künstler/innen, Magazine für Kunstkritik, Universitäten der Künste würden ihre Domainnamen, und damit das Recht, ihre Parzelle des digitalen Kunstfelds zu beackern, heute bei E-Flux beziehen.

1 image day1.940x0E-Flux-Journal-Beitrag für die Venedig-Biennale 2015. 

 

Supercommunity

2015 nimmt E-Flux Journal an der Biennale von Venedig teil. Sein Beitrag, eine Sondernummer mit dem Titel Supercommunity, versteht sich nicht als Teil des Rahmenprogramms, sondern als künstlerische Position. Es ist die 65. Ausgabe des neunmal jährlich erscheinenden Magazins. Während zweier Monate wird täglich ein neuer Artikel auf einer Holztafel in den Giardini plakatiert und auf der eigens für diesen Zweck konzipierten Webseite Supercommunity.e-flux.com, dem Hauptschauplatz des Biennale-Beitrags, veröffentlicht.[1] Für die Artikelflut sind neben dem redaktionellen Team von E-Flux sechs Gastherausgeber/innen zuständig. Die unablässig produzierten Texte werden in neun thematischen Blöcken geordnet (u. a. «The Social Commons: Citizens in the Shade, Aliens in the Sun», «Corruption: Everybody Knows…», «The Art of Work», «Supercommunity»).

Der titelgebende Begriff der Supercommunity wird im Biennale-Projekt nicht geklärt oder geschärft. Er ist ein Ad-hoc-Komposita und in keinem Lexikon zu finden. Es setzt sich zusammen aus «super» – über, übergeordnet oder darüber hinaus – und «community» – Gemeinschaft. Das Kunstwort impliziert die Herstellung einer Gemeinschaft im Superlativ, die bestmögliche Gemeinschaft, oder aber es bezeichnet eine Kontroll- und Evaluationsinstanz zur Gemeinschaft, analog zu Sigmund Freuds Über-Ich beziehungsweise «super-ego», wie der englische Begriff dieser psychischen Instanz lautet. Keine dieser Auslegungen erklärt das Projekt abschliessend. Der Begriff bleibt ein tendenziell leeres Zeichen, das verschiedene, widersprüchliche Deutungen auf sich vereinen kann. Vergleichbar mit den leeren und gerade deswegen massenwirksamen Symbolen der nationalen «Über-Gemeinschaft», wie der Fahne oder dem Grab des unbekannten Soldaten. Die von Remco van Bladel gestaltete Corporate Identity des Projekts betont den Aspekt der Projektionsfläche des Titels Supercommunity. Auf der Webseite ist er als eine Art animiertes Logo platziert. Sich ständig austauschende Buchstaben setzten sich jeweils zum Wort Supercommunity zusammen.[2]

Das Opening Editorial ist in einem nicht näher bestimmten Supercommunity-Ich verfasst, das die Herausgeber/innen in der dritten Person einführt. Anders setzt sich das Closing Editorial des E-Flux Journal #65 aus Textfragmenten der Artikel zusammen. Die Herausgeber/innen des E-Flux Journal setzen auf Vielstimmigkeit. Die Verantwortung für die thematischen Blöcke ist auf 6 Personen verteilt, es schreiben insgesamt 88 Autor/innen. Jeder Artikel kann von Nutzer/innen beliebig kommentiert werden. Auf ein Editorial oder einen Leitartikel, in dem die Herausgeber/innen Position beziehen oder aus ihrer Perspektive ins Thema einführen, wird verzichtet. Kommt unter den Bedingungen des digitalen Journalismus nach dem Tod des Autors/der Autorin auch der des Herausgebers/der Herausgeberin? Folgt man der Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz, ist mit der Digitalisierung die Position der Autorität verloren gegangen, die früher eine Information zu Wissen erklärt hat. Die Rolle der Expert/innen, die die Struktur und Dynamik eines Themengebiets erkennen und einen Überblick liefern können, ist obsolet geworden. Im digitalen Raum wird diese Rolle zum einen von den Nutzer/innen selber, zum anderen von Algorithmen übernommen.[3] Mit der Supercommunity scheint das Biennale-Projekt den Verlust der Expert/innen symbolisch auf die Spitze zu treiben. Das Sagen hat hier scheinbar die Supercommunity. Wird uns hier eben dieser Verlust der Autorität als Expert/innen vorgeführt? Die Herausgeber/innen stilisieren sich als machtlos, ausgeliefert, blockiert. Faktisch liegt im Fall dieses Kunstprojekts die Macht allerdings keineswegs bei den Algorithmen oder den Nutzer/innen. Ob fiktiv, inszeniert oder nicht, jemand organisiert, verwaltet und regiert sie, die Supercommunity. Der Raum der Möglichkeiten wird durch die Herausgeber/innen definiert. Die Supercommunity dient als Figur, konkrete Machtverhältnisse zu verschleiern – auch darin der nationalen Symbolik nicht unähnlich.

Bildschirmfoto 2016 02 04 um 07.25.53Screenshot der Webseite Conversations.e-flux.com, Zugriff am 4. Februar 2016.

Bildschirmfoto 2016 02 04 um 07.27.57Screenshot der Nutzer/innenstatistik von E-Flux Conversations, Zugriff am 4. Februar 2016.

 

Superconversation

«Questions? Comments? Statements? Join the conversation» – wird dem Leser/der Leserin eines Artikels mehrfach ermutigend zugerufen. An mehreren Stellen in den Text eingebettet, erinnert der eingeschobene Balken an Werbeeinblendungen, wie sie bei Webpräsenzen von Zeitschriften verbreitet sind. Auf den entsprechenden Link geklickt, wird man allerdings nicht auf die Webseite eines Sponsors weitergeleitet, sondern auf die Webseite E-Flux Conversations, wo nach der Erstellung eines Benutzer/innenprofils die Möglichkeit besteht, die Artikel zu diskutieren. «Join the conversation», werde Teil der Supercommunity, möchte man ergänzen. Seit Oktober 2014 ergänzt das Diskussionsforum E-Flux Conversations die E-Flux-Produktpalette. Während im Mai 2015 im Diskussionsforum noch 108 Nutzer/innen angemeldet waren, sind es nach dem Ende der Biennale 2020 Nutzer/innen. Gemessen an der Grösse der internationalen Kunstszene ist diese Beteiligung ein Erfolg für E-Flux, sind doch solche Plattformen ohne die investierte Zeit und Arbeit ihrer Nutzer/innen nichts wert.

Die detailreiche Aufzeichnung der Nutzung von E-Flux Conversations geht weit über die Konvention von Diskussionsforen hinaus. Neben dem Titel der Beiträge, den an der Diskussion beteiligten Nutzer/innen, der Anzahl der Beiträge, Kommentare und Aufrufe kann über das jeweilige Nutzer/innenprofil auch in Erfahrung gebracht werden, wer sich wie oft eingeloggt hat, wer was gelesen hat, wie viele Antworten oder Likes die Kommentare generiert haben und so weiter. So hat beispielsweise der E-Flux-Gründer Anton Vidokle 59 Likes bekommen, 225 ausgeteilt, 11 Beiträge erstellt, auf 30 geantwortet, sich 464 Themen angeschaut, insgesamt 2000 Beiträge gelesen und sich an 409 Tagen eingeloggt. Jeder Klick wird aufgezeichnet und der Community kommuniziert. Der Grad an Beobachtung und Überwachung, an den wir uns in der digitalen Welt bereits gewöhnt haben, wird hier noch einmal deutlich überschritten. Unser Lektüre- und Diskussionsverhalten wird auf eine Weise gespeichert und visualisiert, dass man sich an die gläserne Stadt in Jewgenij Samjatins kollektivistischer Dystopie Wir erinnert fühlt. Was bedeutet das für die Community? Das Mass, in dem uns E-Flux Conversations überwacht und kontrolliert, erstaunt. Man möchte wissen, welchen Nutzen die Daten für E-Flux haben? Dienen sie als Grundlage für den Ausbau ihrer Produktpalette, beispielsweise einer Personalisierung ihres kommerziellen Newsletters?

 

Supernova

Nicht nur wird aufgezeichnet, wer Supercommunity-Gebiet betritt und sich dort wie bewegt, auch seine Grenzen werden bewacht. E-Flux hat die ambitionierte Bildungs- und Forschungsinstitution The New Centre for Research & Practice eingeladen, auf der Plattform E-Flux Conversations die Artikel in einem eigens geschaffenen Gefäss Superconversations zu kommentieren und gleichzeitig die Diskussion zu moderieren. So beginnt die Diskussion mit einer mehr als wohlwollenden Interpretation des Editorials und endet mit einer ebensolchen. Das New Centre nimmt im Projekt also nicht wie zunächst vermutet die Position einer unabhängigen kritischen Instanz ein, sondern eine primär vermittelnde: «Our work […] immediately doubled e-flux’s original plan in terms of size, strength and diversity.» So interpretiert das New Centre rückblickend das ganze Projekt als Reflexion über intellektuelle Arbeit im digitalen Zeitalter und als gleichsam utopischen Versuch, über die 100 Tage der Venedig-Biennale Formen der gemeinsamen inhaltlichen Arbeit zu entwickeln, die sich dem Druck zur Warenförmigkeit entziehen. Auf diesen Thread reagieren 37 Kommentare. Einige diskutieren, was unter dem Kunstwort Supercommunity zu verstehen ist – die Vorschläge reichen von «general intellect», Eisblöcken bis zu ein Riss in der Wand. Verhandelt wird aber vor allem die Funktion des Kommentars, die Sprechposition oder die Rolle eines Mediums, also das Setting der E-Flux Conversations selbst. In den Kommentaren zeigt sich vor allem aber eine gewisse Hilflosigkeit oder Resignation gegenüber dem Rahmen der Diskussion: «Because let's face it: we're all homogenized behind the keyboard». Es erstaunt nicht, dass die Diskussion in diesem sehr kontrolliert ablaufenden Experiment auch zeitlich eingeschränkt ist. E-Flux setzt der Supercommunity einen Anfang und ein Ende. Die Dauer entspricht der Laufzeit der Biennale in Venedig. Das Closing Editorial lässt daran keine Zweifel: «Supercommunity is now finished. You won’t get any more texts delivered to your mailbox. We survived. You survived». Für eine «Zone kollektiver Imagination», als die ein Nutzer auf E-Flux Conversations sie begreift, spielen bei der Supercommunity Fragen der demokratischen Partizipation eine erstaunlich geringe Rolle. Die Nutzer/innen sind offenbar gewöhnt an die quasi-feudalen Verhältnisse in den digitalen sozialen Netzwerken. In diesen gibt es keinen Raum für den Wunsch, den gegebenen Rahmen zu erweitern. Auch aufseiten der Herausgeber/innen hat die Verwirklichung eines demokratischen Diskurses keine Priorität. Julieta Aranda erläutert im Rahmen des Symposiums Post Digital Cultures am 4. Dezember 2015 in Lausanne, dass sie bei der Herausgabe des E-Flux Journal die Leser/innen weitgehend ausblende. Es gehe ihr darum, das zu diskutieren und dem zu folgen, was sie als relevant erachte. Die Leser/innen und Diskutant/innen bleiben auf ihre passive Publikumsrolle beschränkt.

So ernüchternd die Analyse des Supercommunity-Projekts ausfällt – das angetreten ist, neue Formen des digitalen Publizierens zwischen Kunst und Wissenschaft zu erproben, und eine Überwachungs- und Evaluationsinstanz für einen internationalen Kunstdiskurs hervorgebracht hat –, es bietet einen Anlass, wieder stärker über die Gefässe zu diskutieren, in denen Kunst wie Kritik tatsächlich stattfinden. Welches sind die Rahmenbedingungen einer Debatte über Kunst im digitalen Raum? Wie lässt sich das Verhältnis verschiedener Schreibpraxen von Künstler/innen, Aktivist/innen und Wissenschaftler/innen neu denken? Wie sehen Formen aus, die solche Praxen in einen Dialog bringen, der um eine Neuordnung der Machtverhältnisse bemüht ist?

[1] Die 88 Artikel, die seit der Eröffnung der Biennale auf eine Tafel plakatiert werden, sind nur Auszüge aus den Artikeln und haben den Charakter eines Teasers, der folglich jeweils mit dem Verweis auf die Webseite endet.

[2] Wird die Maus über den Schriftzug gefahren, werden die Buchstaben ausgewechselt und formen neue Wörter, nämlich: «hermaphrodites, emulsification, impregnability, photosynthesis, discontentment, revolutionists, possessiveness, convalescences, reinterpreting, antiseptically, neocolonialism, misconceptions, fingerprinting, authorizations, nitroglycerine, generalization, traditionalist, conceptualizes, antiperspirant, precociousness, simplification, accomplishment, accountability, industrialists, boisterousness, archaeologists, commercializes, secularization, collaboratives, unsuccessfully».

[3] Bunz, Mercedes. Die stille Revolution. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2012.